KirchenGeschichte

„Mac up“ und fehlendes Verständnis für das Landleben

50 Jahre Frauenordination in Kurhessen-Waldeck

 
Die ersten Pfarrerinnen in der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck im Jahr 1962 hatten es schwer. „In ländlichen Frauenkreisen lehnt man sie wegen ihres ’mac up’ und wegen jeglichen Fehlens eines Verständnisses für ländliche Verhältnisse ab“, urteilt beispielsweise der damalige Dekan des Kirchenkreises der Eder über eine Bewerberin im Jahre 1963. In einem Brief an das Landeskirchenamt in Kassel beklagt er zudem, dass die Bewerberin an den amtlichen Pfarrkonferenzen nicht teilnehme. Einziger Pluspunkt: „Bei den jüngeren Frauen in Bad Wildungen hat sie wegen ihrer betont modernen Einstellung Anklang gefunden.“

Während mittlerweile die meisten evangelischen Christen in Deutschland eine Frau als Pfarrerin oder Bischöfin für selbstverständlich halten, konnte davon vor einem halben Jahrhundert noch keine Rede sein. Zwar konnten bereits ab 1949 Frauen zu Vikarinnen ordiniert werden, ihr Dienst war laut Gesetz aber auf „Unterricht, Seelsorge und Wortverkündigung vornehmlich gegenüber Frauen und Kindern“ beschränkt.

Erst Ende 1961 machte die Landessynode per Gesetz den Weg für Frauen ins Pfarramt frei. 1962 wurden dann mit Ingeborg Köbberling und Renate Ziegler die ersten Pfarrerinnen ordiniert. Mit Elisabeth Specht kam im Juni 1962 die erste Frau in ein Gemeindepfarramt, ein Jahr später gab es mit Dietgard Meyer bereits die erste Landespfarrerin für kirchliche Frauenarbeit.

„Frauen durften in Preußen ja überhaupt erst ab 1908 studieren“, erläutert Bettina Wischhöfer, Leiterin des Archivs der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Wischhöfer hat im Auftrag der Landeskirche, die am 10. März das 50-Jahr-Jubiläum der Frauenordination feiert, eine Wanderausstellung konzipiert. Auf 20 Tafeln wird der nicht immer einfache Weg der Theologinnen dargestellt. Ein gut 100-seitiger Katalog ergänzt die Schau.

Theologiestudentinnen gab es allerdings schon in den 1950er Jahren. Diese Frauen studierten, obwohl eine Ordination ins Pfarramt noch nicht in Aussicht stand. „Die haben sich auf etwas eingelassen, von dem sie nicht wussten, was daraus werden wird“, sagt Wischhöfer. „Diese Theologie studierenden Frauen haben die Kirche in Zugzwang gebracht.“

Von den erstmals 1962 frisch gekürten Pfarrerinnen wurde allerdings verlangt, auf eine Ehe zu verzichten. „Die Pfarrerin scheidet im Falle ihrer Verheiratung aus dem Dienst aus“, hieß es dazu im Gesetz. Es dauerte noch rund 20 Jahre, bis 1980 endlich eine vollkommene Gleichstellung von Männern und Frauen im Pfarrberuf erreicht war. Dann entschloss sich nach den Worten von Wischhöfer die Synode, die besonderen Bestimmungen über „Die Pfarrerin“ aus dem Pfarrerdienstgesetz von 1973 zu entfernen.

Zuvor hatten die Pfarrerinnen mit vielfältigen Widerständen und Vorurteilen zu kämpfen. So habe sie der Fuldaer Dekan mit den Worten „Ich hab‘ ja keinen anderen“ zunächst mit einer Vakanzvertretung in Bad Salzschlirf-Großenlüder beauftragt, erzählt Renate Ziegler, eine der Pionierinnen von 1962. „Die Kanzel in der Fuldaer Christuskirche hat er mich auch nach meiner Ordination nicht betreten lassen.“

Während der Kirchenvorstand von Bad Salzschlirf sie gerne als Gemeindepfarrerin behalten hätte, war man in Großenlüder von dieser Idee entsetzt. „Die dachten, die Erde höre sich auf zu drehen, wenn auf ihrer Kanzel eine Frau steht“, sagt Ziegler. Die Gemeinde selbst habe dies allerdings anders gesehen und über ihren Kirchenvorstand geschimpft.

Als 1980 mit Roswitha Alterhoff die erste weibliche Studienleiterin im Evangelischen Predigerseminar ihre Arbeit begann, war dies ein weiterer, bedeutender Einschnitt in der Entwicklung. Über die Stationen einer Dekanin im Jahr 1986, einer Pröpstin im Jahr 1990 und schließlich einer Prälatin im Jahr 2003 bewies Alterhoff schließlich den letzten Zweiflern, dass Frauen auch Führungspositionen in der Kirche übernehmen können.

Die Zahl der Pfarrerinnen in der kurhessischen Kirche ist von acht im Jahre 1963 kontinuierlich auf nunmehr 383 gestiegen, was einem Anteil von fast 40 Prozent der Pfarrerschaft entspricht. Und bei den Theologiestudierenden bilden Frauen mit 57 gegenüber 45 Männern bereits die Mehrheit. (Ev. Pressedienst/Christian Prüfer, 07.03.2012)